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Metamorphosen der Melancholie

Madrigale, Lieder, Opernszenen von John Dowland, Thomas Morley, Henry Purcell u. a.
Sonette und Texte von Robert Burton, William Shakespeare u. a.

 

Regie: Philippe Arlaud

Graham Valentine, Sprecher
Simone Kermes, Sopran
Balthasar-Neumann-Chor und Solisten
Balthasar-Neumann-Ensemble

Konzeption und musikalische Leitung: Thomas Hengelbrock

 

In seiner 1621 erschienenen Anatomy of Melancholy entwirft der Universalgelehrte Robert Burton ein faszinierendes Bild moderner Zeiten: Umfangen von moralischen Postulaten durch Kirche und Staat und konfrontiert mit Kriegen, Epidemien und um sich greifender Verelendung, tröstet und behauptet sich der Mensch durch eine neue, von kulturellen Werten zutiefst durchdrungene Selbstdefinition. Melancholie ist dabei weniger die zwangsläufige Folge innerer oder äußerer Erschütterungen als vielmehr die Grundbefindlichkeit eines jeden Menschen, aus der heraus er Erkenntnis und Lebenssinn schöpfen und Kunstwerke erschaffen kann.

Die Musik von Burtons Zeitgenossen spiegelt diesen Geist, und in den Kompositionen von John Dowland, Thomas Morley, John Eccles, Matthew Locke, Thomas Weelkes, Anthony Holborne, John Blow oder Orlando Gibbons sehen wir heute das «Goldene Zeitalter» der englischen Musik manifestiert. Den Madrigalen, Opernszenen, Lamenti und Instrumentalwerken stehen Texte aus Dramen, Essays und Sonetten von Robert Burton, Chidiock Tichborne u. a. gegenüber. Als «Dr. Melancholicus» untersucht der Schauspieler Graham Valentine im Rahmen eines wissenschaftlichen Vortrags vor seinen Studenten – den Musikern – das Phänomen Melancholie: distanziert beschreibend zunächst, dann immer mehr von dieser «Krankheit zum Tode» selbst betroffen, der er sich schließlich nicht mehr entziehen kann.

 

Pressestimmen:

«Graham Valentine trägt […] vor, hinreißend inszeniert als eine Mixtur aus faustischem Gelehrten, Komödiant, anglikanischem Geistlichen und unrettbar von jener ‹Krankheit zum Tode› infiziert, die ihn immer tiefer in ihre Fänge schlägt, je eindringlicher er sich mit seinem Gegenstand befasst – ein begnadeter Komödiant, der das Spiel mit den Befindlichkeiten seines Ichs immer bunter treibt, bis es ihn zermürbt. Darum rankt sich Musik, betörend traurige, betörend schöne Musik des späten 16. und 17. Jahrhunderts, als die Melancholie auch in dieser Kunst in Mode gekommen war. […] Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble machen ihre Sache großartig, überzeugend auch bei den Soloeinlagen. […] Verzauberung, Begeisterung, Ovationen.»

Badische Zeitung

«In dieser für historische Musik wirklich Maßstäbe setzenden Produktion sind alle, auch Sänger und Musiker, gleichzeitig Schauspieler. Keine Geste, keine noch so kleine Bewegung ist da Zufall, alles ist Teil eines Gesamtkunstwerks, das die Regie mit subtilsten Mitteln zu einer wirklichen Geschichte entwickelt hat, in der sich die barocke Weltsicht panoramahaft entfaltet. Und wie liebevoll, artifiziell und gleichzeitig unterhaltsam das gemacht ist! […] Denn schließlich wurde ja noch über alle Maßen fein musiziert: Dass das Balthasar-Neumann-Ensemble zu den ersten seiner Art gehört, war schon bekannt. Eingebettet in ein derart stimmiges Konzept entfaltete aber die Consort-Musik von Morley oder Gibbons eine noch länger anhaltende Wirkung.»

Stuttgarter Zeitung

«Gerade der Chor machte deutlich, wie man mit rein solistischer Besetzung ein Ideal an Klarheit und Balance erreichen kann. Hengelbrocks Balthasar-Neumann-Chor & Ensemble bilden wohl die herausragende Kammerbesetzung dieser Art in Deutschland.»

Frankfurter Rundschau

«Musik, die in zarten Schwebungen Seelenzustände auslotet und in Stimmungen transformiert, die wiederum von den Instrumentalisten des Balthasar-Neumann-Ensembles und den exquisiten Solisten des Balthasar-Neumann-Chores derart klangschön aufgegriffen und intensiv wiedergegeben werden, dass der Schmerz zum Wohllaut wird und die Trauer Ruhe spendet. Das Fremde, Ferne kommt so ganz nah. Vor allem dann, wenn ein solcher Sprechkünstler und Virtuose des melancholischen Understatements wie der Marthaler-Akteur Graham Valentine als Bindeglied zwischen der Musik und der Szene fungiert. […] Das hat soviel Zauber, soviel Tiefe, soviel Poesie, dass die gut eineinhalb Stunden wie im Fluge vergehen und man recht unsanft aus dieser so alten neuen Welt subtil differenzierter Stimmungen und emotionaler Nuancen, in die man sich gerade erst eingehört hat, wieder verstoßen wird.»

Stuttgarter Nachrichten